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"Eine kurze Reise in die letzten Tage der Ära Kohl"

Kurz vor dem Millennium in Berlin zerfällt ein Freundeskreis auf der Suche nach dem eigenen Lebenssinn. Wohin auch der namenlose Ich-Erzähler in der Gegenwart blickt: Wachstum ist das Credo in der sommerheißen jungen Hauptstadt, Oberflächen sind die Insignien und zugleich Attitüden des Erfolgs der Aufsteiger Ende zwanzig, Anfang dreißig. Organisches Wachstum scheint den Akteuren vor dem Durchbruch ins neue Jahrtausend unmöglich. Konsum und Karriere suchen die aufkeimende Frage nach dem eigenen Lebensstandpunkt zu verkleiden. Drohen Niederlagen den Anschein zu zerkratzen, wechseln die Protagonisten über Nacht die Hüllen oder driften in Doppelleben ab, um nicht nackt zu erscheinen.

Das Platanen-Motiv

Das Motiv der Platanen, die für ein Wachstum nackt sein, ihre Rinde absprengen müssen, wird der Hauptfigur eingangs des Textes zugeordnet: Er findet eine Platanenborke vor der Tür seines VW-Porsche, obgleich am Parkplatz vor dem Teufelsberg nur Bäume mit wachsender Rinde stehen. Motivischer Gegenpol des Scheiterns ist das – ihn in Form eines Songtitels begleitende – Wort Timber, das international in der Forstwirtschaft den Sturzmoment eines zu fällenden Baumes ankündigt.   

Zu Beginn der erzählten Zeit (August und September 1997) sind die sechs Protagonisten um den Werbegrafiker noch geeint im Besuch angesagter Clubs, Cafés und auf nächtlichen Spritztouren in ihren Autos durch die Metropole. Sie zögern zwischen beruflicher Maxime und familiären Wünschen. Gescheiterte berufliche Durchbrüche und menschliche Abstürze legen von Beginn an nahe, dass sie nicht aus der Masse hervorragen, ihr weiterer Weg aber von Verlusten geprägt sein wird – und sie deshalb weder für ein Nischenpublikum sprechen noch in ihrer damaligen Zeit verharren.

Die gescheiterte Beziehung

Zu Beginn der Geschichte begleiten die Hauptfigur und seine ehemalige Partnerin Adelheid sich trotz gescheiterter Beziehung wie Freunde. Er steht ihr bei, während ihr trunksüchtiger Bruder in eine Klinik eingeliefert wird und sie dessen Geschäft übernimmt. Sie duldet seine – infolge einer selbst verschuldeten beruflichen Niederlage – aufkeimende Zerrissenheit zwischen scharfer Beobachtung und morbidem Stillstand. Noch hält der Freundeskreis oberflächlich aneinander fest – teils aus Mangel an Alternativen, teils aus alter Verbundenheit.

Die Hauptfigur bleibt dem engsten Freund, dem Autohändler Maxell, bis zu dessen Inhaftierung treu. Zugleich versagt die Hauptfigur aber darin, Maxells zurückgelassener, schwangerer Ehefrau Heidi beizustehen. Doreen und Theodor als bürgerliches Erfolgspaar des Freundeskreises wirken distanziert an der oberen Erfolgsskala. Dennoch pflegen sie das Kolorit der strauchelnden Kreativen in ihrem Kreis. Nicht minder benötigt die Hauptfigur das erfolgreiche Paar für sein oberflächliches Abbild eines erfolgreichen Lebensentwurfs: Er wähnt – nicht völlig grundlos – eine zweite Schwangerschaft im Freundeskreis und befördert das Gerücht. Doch als Doreen dem erweiterten Kreis erklärt, dass Theodor und sie vielmehr ins Ausland gingen, bleibt offen, ob ihr Wunsch eines Kindes nur unerfüllt blieb oder einer fixen Idee der Hauptfigur entstammte.

Das Verborgene unter der Rinde

Spätestens hier verdichten sich die Anzeichen, dass er wie Maxell bereits tief in ein Doppelleben verstrickt ist und der Wunsch einer Rückkehr in die Werbebranche – und damit in geordnete Bahnen – nur ein Schein bleibt. So gerät selbst sein Versuch, Maxell vor einem weiteren Schritt ins kriminelle Milieu zu bewahren, zur hilflosen Pflichtübung, weil er inzwischen selbst mit Theken-Bekanntschaften diesen Weg einschlägt. Am Ende wenden sich die Protagonisten nach und nach ab, ohne dass die zurückbleibende Hauptfigur einen Anspruch auf Mitleid hätte.

Gespiegelt wird die innere Zerrissenheit der Hauptfigur – und ihr resultierend fehlender Anspruch auf Mitleid – zum einen durch eine siebte Figur: Melanie, eine blasse aber zugleich unschuldig erfolgreiche Mitläuferin im Freundeskreis. Melanie bewundert und verhöhnt er zugleich. Zum anderen stehen seine scharfzüngigen Beobachtungen über eine Gesellschaft – die Identitäten notfalls wechselt oder das vormalig Äußere kurzerhand abgesprengt, um dem Diktat eines uferlosen Wachstums als einzig geltendem Erfolgskennzeichen hinreichen zu können – in einem allzu krassen Missverhältnis zur eigenen Lebensweise und Handlungslosigkeit. Unter den Inneren Monologen in den Platanen ist diese Haltung am stärksten im Wachstums-Monolog verdichtet:

Der Wachstums-Monolog

"Unsere noble Gesinnung beim Prosecco in den Clubs ist ohnehin die blanke Willkür: Jeden Monat näher an der Jahrtausendwende schmeißt noch einer mehr seine alte Kleidung weg. Wer gestern noch zu Greenpeace wollte, macht heute PR für einen Atomkonzern. Wer heute über Darwin promoviert, wirft sich gleich morgen in der Freikirche zu Boden. Wer jahrelang durch Schwulenbars gezogen ist, zerrt plötzlich seine Schulfreundin zum Standesamt – und einer nach dem anderen ist plötzlich anders als noch eine Nacht zuvor und ich werde den Eindruck einfach nicht los, als wollten alle nur die lästige Vergangenheit abstreifen, irgendwie wachsen, Hauptsache irgendwohin, anstatt ihr Leben lang den Walfang zu bekämpfen oder ihr Leben lang zu sagen, dass die Bibel ganz allein vom Menschen abstammt oder ihr Leben lang das eigene Geschlecht zu lieben und entsprechend auch zu leben."

Timber

Nach der letzten, nächtlich trunkenen Tour im Wagen durch die Metropole wird klar, dass die Hauptfigur jeden Versuch einer neuen Eigenständigkeit als Werbegrafiker allen Beteiligten – sich selbst eingeschlossen – nur vorgetäuscht hat. Erst diese Erkenntnis über den Verlust des letzten, oberflächlichen Anscheins befreit die Hauptfigur. Unweit der eigenen Wohnung entsteigt er nackt dem zerstörten Porsche, reinigt seine von Dornen und Unterholz auf der nächtlichen Spritztour zerrissene und abblätternde Haut im Wasserfall am Nationaldenkmal, erklimmt das Monument und fällt sich sinnbildlich nach einem Blick auf die stillstehende Stadt.

Am Ende ist der kurze Roman die unheilbare Sinnsuche eines Namenlosen zwischen Zugehörigkeit und Individualität.