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Im Grunde besitze ich einen Ruhepuls von etwa 57 Schlägen. Das Teleskop ist vor mir auf die Sterne gerichtet und ich liege im Gras und zähle die Grillen in der Nacht. Es bringt mich aus dem Takt, wie sie zirpen, zwischen meinen Herztönen wild durcheinander singen und ich hebe den Kopf in die Höhe und blicke über den Wald: Noch funkeln die Sterne, noch funkeln die Lichter der großen, erneuten Hauptstadt unseres Landes – die Luft verändert sich also weiterhin. Ich liege oben auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Gleich draußen vor der Stadt rauche ich langsam vor mich hin, wo nun Gras über die zerstörten Häuser Berlins wächst und Liebespaare in den Nächten auf das Zentrum blicken, ehe sie mit lockeren Schritten hinab zum Teufelssee schlendern, ein paar Bahnen durch das glatte Wasser im Wald ziehen und ihre Freiheit genießen. Ich träume zu viel in der Gegend herum. Besser nehme ich noch einen kurzen Zug. Ab und an schaffe ich es sogar, einen satten Kringel um das Siebengestirn zu setzen – allmählich habe ich Übung darin.

Es sind warme, klare Nächte, seit ich meine Stelle in der Agentur verloren habe. Vielleicht bleibt mir ein Monat, bis das Geld ausgeht oder ich sollte den Wagen abmelden, Steuer und Versicherung ganz sparen, eventuell bestehen weitere Möglichkeiten, schließlich kenne ich den einen oder anderen hier, der gute Tipps auf Lager hat – im Moment sitze ich allerdings allein. Die Straßenbeleuchtungen dringen durch die Baumkronen und sie färben die Blätter auf den Alleen in einem Gelbgrün, als sei der Herbst mit der Dämmerung bereits hereingebrochen. Ich schmeiße den Motor gegen 21 Uhr an und fahre los. So läuft es seit fünf Tagen. Es geht Richtung Westen über eine breite Ausfallstraße, die sich über Hügel bis zur Havel an die große Flussbreite schwingt. Hier wehen einem fremde Haare aus den Cabriolets entgegen, lange ungestüme Haare im Sommerwind. Ich wähle immer Ricky’s theme, ein Stück ohne Gesang von den Beastie Boys und die Atmosphäre in meinem Wagen ist ziemlich energielos. Ich drehe die Lautstärke auf – man kennt das Lied hier seit fünf Tagen entlang der Straßengräben, während die blonden oder braunen, langen Haare mit den Cabriolets in das Zentrum rasen, sich dort zu vergnügen. Manchmal überlege ich die Handbremse zu ziehen und das Steuer herumzureißen.

Wenn ich nicht ans Wasser fahre, postiere ich mein neues Teleskop auf dem Berg und hoffe auf das Beste wie in jeder letzten Nacht. Es ist die Woche der Sternschnuppen und sie verglühen unter dem dunklen Firmament, als wäre unser Planet in den Händen eines kindlichen Gottes, der ihn mit Goldstaub beschießt. Für zwei, drei Stunden liege ich da und träume, nehme selten das Okular heran und fühle mich verwachsen mit dem Trümmerberg. Ich spüre mein Herz, wie der Brustkorb tanzt und in Gedanken sehe ich meinen Chef und in seinen Händen die Papiere, die er mir gab:

„Wir werden sie freistellen, das wissen sie doch?“

Als ich verneinte, sagte er:

„Na, dann wissen sie es jetzt.“

Ich sehe mich um. Ich blicke auf die alte Abhörstation der Amerikaner, die sich weiß über den Wald erhebt und schweigt über den Wipfeln wie eine Kreatur in stoischer Neugier. Der Wind spielt mit den Peilantennen und den weißen Verkleidungen der Radare. Es sei eine typische Geschichte, sagen meine Leute: Maxell und Heidi, Theodor und Doreen und auch Melanie und Adelheid. Meinem Chef sei es zu bunt geworden. Das Konzept liegt nun in seiner Schublade – mein Konzept. Er rief beim Kunden an und die Präsentation der Wahl-Plakate ging zurück in unsere Agentur, und zwar zu seinen Händen. Ich hatte ihn nicht informiert, das stimmt. Am Ende ist das aber völlig gleichgültig – die Ruhe, mich mit den Sternen zuzudecken, ist fort. Mir fehlt Arbeit und ein Quäntchen Glück.

Ich rapple mich hoch und drücke die Zigarette ins Gras und blicke auf die Einflugschneise des Flughafens, sehe wie die Flieger in einer Seilbahn durch den Nachthimmel schweben und ihre Positionsleuchten funkeln lassen, ehe sie zwischen Bäumen und Häusern verschwinden.

Ich sehe durch das Okular und ziehe das Teleskop langsam über die Sterne, vom rötlichen Arktur im Westen hoch bis zur Wega, die das Sommerdreieck schließt. Die Woche der Sternschnuppen ist bald vorüber: Ich sollte meine Sachen packen oder eine neue Konzeption entwerfen, eine zündende Werbung, wie ich sie seit langer Zeit im Kopf habe. Doch mir fehlt das Geld, am Monatsende wird es knapp für die Miete. Ich könnte das Teleskop verkaufen. Das Sommerdreieck wirkt ohnehin viel schöner, sieht man es mit bloßem Auge – ich fahre das Stativ zusammen und stecke mir eine neue Zigarette an, gehe zum Parkplatz hinunter und blicke auf den kleineren Drachenberg: Bei Tag mutet die verschlungene und dicht vom Grün bedeckte Treppe an, als geleite sie in die Hängenden Gärten hinauf. In diesen Tagen lässt man seine Drachen oben bereits steigen und einige Unverbesserliche bauen ihre Paraglider auf und heben unter den schwachen Winden nie wirklich ab.

Ich betrachte meine Glut und den Asphalt vor meinem Wagen: Dort liegt ein Stück Rinde an der Fahrertür. Sie scheint von einer Platane zu stammen. Aber ringsum stehen nur einheimische Birken und andere Bäume, die ihre Schale nicht absprengen. Ich werfe die Borke zur Seite und steige ein. Warte noch ein bisschen, sagt Maxell immer, nur etwas Geduld. Doch seit Wochen schlägt mein Herz das Blut nun dreistellig durch die Arterien.

(c) 2016, Andreas van Hooven | Books on Demand, Norderstedt